Berufliche Bildung als Standortfaktor: Intensive Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Walsroder Stadthalle

Gut besuchte Veranstaltung: Zusammen mit Lars Klingbeil diskutierten Urban Überschär (Frie-drich-Ebert-Stiftung), Cornelia Baden, Elke Starostzik, Wolfgang Hensoldt und Andre Kwiatkowski (von links).Was ist Schule? Eine vielseitige Einrichtung zur Vermittlung von Bildung als Grundlage für das ganze Leben? Oder ein Dienstleister, Zubringer für die Wirtschaft, Lieferant möglichst passgenauer und funktionierender junger Menschen? Das war ein Aspekt einer intensiven Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Walsroder Stadthalle, zu der auch der Bundestagsabgeordnete Lars Klingbeil eingeladen hatte -Thema: „Berufliche Bildung im ländlichen Raum als Chance für den Wirtschaftsstandort Heidekreis“. Die Veranstaltung war so gut besucht, dass Stühle fehlten. Auf dem Podium saßen Fachleute, von denen jeder einzelne den Abend hätte alleine bestreiten können - was sich aufgrund der Dichte und Komplexität des Themas und der vielen Aspekte aber auch als Handicap erwies: Klare Antworten und Handlungsstrategien gab es am Ende nicht.Mit dem Wirtschaftsberater Wolfgang Hensoldt, der an der KGS in Schwarmstedt das Patenschaftsprojekt seit Jahren mit organisiert, saß ein Pragmatiker auf dem Podium, der sich für eine klare Wirtschaftsausrichtung aussprach, denn: „Schüler, die den Standort verlassen, kommen meistens nicht wieder und gehen der Region verloren.“ Schule sei noch nicht gut genug vernetzt mit der Wirtschaft, und Politik und Schule dürften nicht alleine entscheiden; Wirtschaft müsse mit einbezogen werden.

Die Sicht und Erfahrung der Berufsbildenen Schulen in Walsrode und Soltau vertrat der Walsroder BBS-Leiter Andre Kwiatkowski, der zwar auch am liebsten Berufsschüler im dualen System (Ausbildung und Berufsschule) sieht, aber in der Praxis auch weiß, dass es mehr Vollzeitschüler an der BBS als „duale“ Schüler gibt. Dennoch mochte Kwiatkowski den Begriff „Übergangssystem“ nicht sonderlich, weil es zu negativ klinge und unterschlage, dass in den einjährigen Berufsbildungsjahren wertvolle Beiträge geliefert würden. Außer-
dem gab der Walsroder BBS-Leiter eine Reihe von Gedankenanstößen, die zu einer Anpassung des Berufsbildungswesens an die Realität führen könnten - zum Beispiel schnellere Kommunikation bei Aus-bildungsabbrüchen, die Öffnung der Berufsschulen für Schüler, die die zweite oder sogar schon dritte Berufsausbildung anstrebten, ein stärkerer individueller Fokus auf Jugendliche, die seit zehn Jahren zur Schule gehen, 200 Bewerbungen geschrieben und 200 Absagen kassiert haben. Außerdem gebe es laut Kwiatkowski viele gute Problemanalyse-Ergebnisse schwieriger Kinder und Jugendlicher - „aber irgendwie gehen die im Laufe einer Schulkarriere verloren“.

Der Juso-Vorsitzende Florian Vorbeck forderte später in der Diskussion, Jugendliche nicht so zu formen, dass sie den Ansprüchen der Wirtschaft entsprächen, sondern den Schülern - ihren Neigungen entsprechend - den richtigen Beruf nahe zu bringen. Ein Aspekt der Diskussion war auch die Forderung, den Kindern und Jugendlichen wieder stärker Sekundärtugenden zu vermitteln (Fleiß, Pünktlichkeit, Freundlichkeit). Problem nur: Dort, wo keine echten Elternhäuser vorhanden sind, wird es schwer, Jugendlichen mit 16 Jahren plötzlich Sekundärtugenden beibringen zu wollen.

Ein weiterer Aspekt, der dem Thema der Veranstaltung näher kam, war die Frage, wie das Berufschulssystem entwickelt werden müsste, um den Bedarf an Fachkräften zu sichern. Die Erste Kreisrätin Helma Spöring sah es als eine wichtige Herausforderung an, Auszubildende in der Region zu halten oder gut Ausgebildete in die Region zurückzuholen.

Richtige Wege werden nach Ansicht von Andre Kwiatkowski schon beschritten, zum Beispiel durch die Kooperation nicht nur der Berufsschulen in Walsrode und Soltau, sondern auch mit denen in Rotenburg und Verden. Er sah eine hohe Kompetenz in den Berufsbildenden Schulen sowohl in der Ausbildung als auch in der Berufsorientierung. Ihm war eine Bündelung der Bemühungen um jeden einzelnen Jugendlichen wichtig. „Da stehen Geschichten dahinter“, machte er auf die individuellen Erlebnisse und Fähigkeiten aufmerksam. Doch um darauf eingehen zu können, sei ein Schulsozialarbeiter für die hohe Zahl der Schüler bei weitem zu wenig.

Referatsleiterin Elke Starostzik aus dem Niedersächsischen Kultusministerium gab die Forderung der Landesregierung weiter: „Keiner soll verloren gehen; jeder Jugendliche soll einen Schulabschluss und eine Ausbildung erhalten“. Dafür sei wohnortnahe Beschulung genauso wichtig wie die individuelle Ansprache der Jugendlichen - womit sie indirekt die Forderung nach mehr Sozialarbeiterstellen an den Berufsschulen als berechtigt betrachtete. Lars Klingbeil forderte abschließend: „Der Landkreis sollte initiativ werden und die Akteure der Aus-, Fort- und Weiterbildung an einen Tisch holen, um ein einheitliches Konzept zu haben. Von politischer Seite brauchen wir Rahmenbedingungen, damit die Berufsschulen flexibel arbeiten können.“

Quelle: Walsroder Zeitung vom 01.10.2014 (rh)

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