Werner Stockhofe will es noch einmal wissen: Mit 61 Jahren absolviert der Bomlitzer eine Tischlerausbildung

„Ich will endlich lernen, wie es richtig geht“: Werner Stockhofe hat im Alter von 60 Jahren die Ausbildung zum Tischler begonnen. Der frühere Bauleiter der Wolff Walsrode AG besucht fünfmal die Woche die BBS Walsrode, wo er einen eigenen Werkzeugspind besitzt.Anfang Mai geht es auf Klassenfahrt. Segeln auf dem Ijsselmeer. „Ich freue mich darauf“, sagt Werner Stockhofe, Schüler der Berufsbildenden Schulen in Walsrode. Stockhofe geht gerne zur Schule, vor allem aber tut er es freiwillig, denn er hat ein Ziel: Nach seiner Abschlussprüfung will er direkt in den Ruhestand gehen, um sich seinem Hobby zu widmen: der Tischlerei. Der Schüler mit dem grauen Bart ist der älteste Schüler, der jemals die Einjährige Berufsfachschule Holztechnik an den Berufsbildenden Schulen in Walsrode besucht hat - Stockhofe ist 61 Jahre alt.

Es gibt eine Menge Anekdoten, die Stockhofe aus seinem ersten Schuljahr erzählen kann. Wie etwa die Begegnung auf dem Schulhof mit einem jungen Mann, der offenbar auch die BBS besucht: „Ob ich Schüler bin, hat mich der jungen Mann gefragt", erzählt Stockhofe, „und ich habe das bejaht, woraufhin er wissen wollte, wie alt ich bin." Stockhofe antwortete wahrheitsgetreu: „S echzig." Da blickte der Schüler Stockhofe in die Augen und meinte trocken: „Da könnten Sie aber auch mal langsam fertig werden!"

Stockhofe hat viel erlebt in seinem Leben, als junger Bauingenieur wirkte er am Bau der Frankfurter U-Bahn mit, auch in Bagdad hat er sich zwischenzeitlich verdingt. 1990 schließlich führte ihn ein Job nach Bomlitz, wo er bei der damaligen Wolff Walsrode AG schnell zum Leiter der Bauabteilung aufstieg. Später, als Dow kam, war seine Jobbezeichnung Englisch. Stockhofe, der sich an den neuen amerikanischen Stil im Unternehmen erst gewöhnen musste, war fortan „Real Estate Manager", aber immer noch zuständig für die Liegenschaften des Unternehmens.

Die Vorruhestandsregelung, die ihn Ende 2013 in die passive Phase der Altersteilzeit führte, kam dem passionierten Skatspieler nicht ungelegen -und seiner Frau Irmtraut, die als Lehrerin an der Bomlitzer Oberschule arbeitet, übrigens auch. „Prima, dann steht das Essen auf dem Tisch, wenn ich mittags aus der Schule komme“, habe seine Frau damals gemeint. „Nach spätestens zwei, drei Wochen kannst du Erasco und Sonnen-Basser-mann nicht mehr sehen", habe er seinerzeit geantwortet - und für sich entschlossen, dass die Zeit für etwas Neues gekommen ist .

Praxislehrer Andreas Noll (rechts) schaut zufrieden auf seinen „Musterschüler“, der immerhin fünf Jahre älter ist als er selbst.Der 61-Jährige informierte sich, und schließlich reifte in ihm der Entschluss, eine Tischlerlehre zu beginnen. Doch was treibt jemanden, der sein Leben lang gearbeitet hat, mitunter zwölf und mehr Stunden am Schreibtisch saß, dazu, noch einmal eine Ausbildung in Angriff zu nehmen? „Ich habe seit 20 Jahren eine Kreissäge im Keller stehen, mit Holz arbeiten -das war immer schon mein Hobby", sagt der Senior-Schüler, „jetzt will ich gerne einmal lernen, wie es richtig geht."

Und das beginnt in Niedersachsen mit der Einjährigen Berufsfachschule Holztechnik. „Anschließend gehen die Lehrlinge noch für zwei oder drei Jahre in die Betriebe", sagt der Bomlitzer, der jeden Tag von 8 bis 15 Uhr in Klassenzimmern sitzt. In den Betrieb gehen - das will Stockhofe sich aber dann doch nicht mehr antun. „Jeden Morgen um 7 Uhr zur Arbeit - das mache ich dann auch nicht mehr", sagt Stockhofe, der vielleicht noch ein paar Praktika absolvieren möchte, um dann - hoffentlich - von der Handwerkskammer zur Prüfung zugelassen zu werden. „In jedem Fall werde ich weiter zur Berufsschule gehen", macht Stockhofe deutlich, dass es ihm ernst ist mit der Gesellenprüfung zum Tischler.

Bis dahin wird er noch ein paar skurrile Geschichten erleben. „Unterricht", sagt der „Unruheständler" vorsichtig, „war früher anders". Nicht immer genieße der Lehrer die ungeteilte Aufmerksamkeit der Schüler, hat er in den jüngsten Monaten festgestellt. Smartphones gehören zum Schulall-tag, ein nettes Gespräch mit dem Sitznachbarn wird für gewöhnlich auch nicht ausgeschlagen, „aber das sind alles nette, junge Leute“, sagt Stockhofe, der für einen Augenblick klingt wie ein verständnisvoller Großvater.

Dass er ein paar Jahre älter ist als seine Lehrer - sei's drum. „Wir haben uns dazu entschieden, uns gegenseitig zu duzen", erzählt Stockhove aus seinen ersten Schulstunden Mathe, Englisch oder Politik. So richtig schwer fallen ihm Klausuren und Prüfungen nicht, „manchmal schaue ich mir vor Prüfungen noch einmal Anleitungen an", sagt er, doch in der Regel kommt Stockhofe ohne Vorbereitungen aus. Vor ein paar Wochen gab es auch das erste Zeugnis. Wie es ausfiel? „Meine Frau war jedenfalls ganz zufrieden", sagt Stockhofe schmunzelnd. Die Klassenfahrt hat sich Werner Stockhofe demnach auch verdient.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 24.02.2015 (jr)

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