Aufarbeitung als Antrieb

Aufarbeitung als AntriebDiese eine Nummer wird die 90-Jährige nicht mehr los: 41948. In Auschwitz-Birkenau war sie nicht mehr Esther Bejarano oder das Kind mit Spitznamen Krümel, sie war nur noch jene Nummer, die ihr schmerzhaft auf den linken Arm tätowiert worden war. Jahre nach dem Krieg ließ sie die Nummer mehr schlecht als recht entfernen. In ihren Erinnerungen wird sie indes für immer eingebrannt bleiben, wie so vieles, was sie unter dem Nazi-Regime ertragen musste.

Als Esther Bejarano in etwa so alt war wie ihre Zuhörer an diesem Tag, wurde ihr fast alles genommen. Ihre Eltern wurden ermordet, sie verlor Geschwister, Freunde und Bekannte aus den Augen. Dann war Esther Bejarano selbst dran. Im KZ Auschwitz-Birkenau wurde sie krank und ihr Name durch eine Nummer ersetzt. Doch eines verlor sie nicht - ihren Lebenswillen.

Heute ist Esther Bejarano 90 Jahre alt. Sie, eine der letzten überlebenden Zeitzeugen, könnte versuchen, ihren Lebensabend zu genießen, sich zurücklehnen. Doch das liegt ihr fern. Sie will aufrütteln, jungen Menschen erzählen, wie es damals war. Damit Verbrechen und Gräueltaten nicht in Vergessenheit geraten. Damit sich so etwas nie mehr wiederholt .

Am Dienstag las sie vor 200 Schülern der Berufsbildenden Schulen Walsrode aus ihren „Erinnerungen" und stand anschließend Rede und Antwort. Eingeladen hatte die Arbeitsgemeinschaft „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" um Lehrer Thomas Eidt und Referendar Malte Ruhm. Esther Bejarano folgte der Einladung gern - nicht zum ersten Mal. Bereits 2009 war sie in Walsrode zu Gast gewesen.

„Ihr habt keine Schuld an dieser Zeit. Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über diese Zeit wissen wollt“: Esther Bejarano, die das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau überlebt hat, referierte vor rund 200 BBS-Schülern im voll besetzten Forum über das Leben im Lager, die NS-Zeit, Gräueltaten und ihre Motivation, immer wieder vor Schülern über das Erlebte zu berichten.Viele Schüler nehmen zunächst kaum wahr, wie die kleine, zierliche und leicht gebückt gehende Frau mit den leuchtend weißen Haaren den Raum betritt und sich anschließend aufs Podium begibt. Sie lachen, als Schulleiter Andre Kwiatkowski den Gast als 94jährig vorstellt, Esther Bejarano ihm ins Wort fällt und klarstellt: „So alt bin ich noch nicht. Ich bin 90." Doch schnell kehrt Ruhe ein im voll besetzten Forum. Die Zeitzeugin lässt die Zuhörer so eindrücklich an ihrer Vergangenheit teilhaben, dass es regelrecht beklemmend ist.

Lange konnte sie nicht über das reden, was ihr widerfahren und angetan worden ist. Sie schwieg gegenüber ihrem Ehemann und ihren Kindern. Doch vergessen: Das konnte sie nie. Irgendwann brach sie das Schweigen - „weil es sehr wichtig ist, darüber zu sprechen". Leicht fällt ihr das aber nicht. „Jedesmal erlebe ich das nochmal", sagt sie. Doch das sei es ihr wert, solange es ihr gelinge zu mahnen. Zu appellieren, nicht zu vergessen. Zeichen zu setzen gegen Radikalisierung, Ausgrenzung, Rassenhass und, wie sie es nennt, „diese menschenverachtende Ideologie“.

Eine Ideologie, die dazu führte, dass Esther Bejarano 1943 zusammen mit Hunderten anderen Juden wie ein Stück Vieh im Zug deportiert wurde. Dicht gedrängt im Viehwaggon, in dem viele Alte und Schwache auf der tagelangen Reise starben, in dem es nach Fäkalien, Schweiß und Verwesung stank - ein Vorgeschmack auf das, was folgte. „Am Tor wurden wir von SS-Männern und -Frauen mit den Worten begrüßt: ,Ihr Saujuden - jetzt werden wir euch mal zeigen, was Arbeiten heißt'", sagt Esther Bejarano. Doch vor der Arbeit stand die Entwürdigung. Die Nazis hätten noch ihre Späße gemacht, während sie und viele andere Frauen erst nackt kalt duschen mussten, dann im Heißluftraum fast erstickt wären und schließlich durch das Scheren der Haare entstellt wurden.

Ein Holzbett ohne Stroh und Decke in einem ehemaligen Pferdestall, ungenießbare Suppe, „ein braunes Gesöff, das Tee sein sollte", Leid und Tod bestimmten fortan ihr Leben. Dazu „eine völlig sinnlose Arbeit" - das Zusammentragen von Steinen auf einem Feld - und selbst im Frühling und Sommer „Lehmboden und grau in grau".

„Du hast Glück bei den Frau'n, Bel Ami!" Dieses populäre Lied könnte Esther Bejarano das Leben gerettet haben. Sie, die Klavier und Blockflöte spielen konnte, sollte das Stück im Mädchenorchester des Lagers am Akkordeon begleiten, auf einem Instrument, das sie nie zuvor gespielt hatte. „Wie durch ein Wunder habe ich die richtigen Akkorde getroffen", sagt die 90-Jährige. Sie wurde Ensemblemitglied und durfte in eine Funktionärsbaracke umziehen, in der es „richtige Betten" gab.

Leid war dennoch weiterhin an der Tagesordnung. Einmal habe sie eine ganze Woche lang gehungert, nur um mit dem aufgesparten Laib Brot einen Pullover gegen die Kälte kaufen zu können. Dazu kam die innere Kälte. Das Wissen darum, im Vernichtungslager zu sein. Das Wissen, dass pure Willkür des berüchtigten Lagerarztes Josef Mengele über Leben und Tod entschied: „Wenn sich seine Hand nach rechts bewegte, war man für die Gaskammer fällig. Wenn nicht, hatte man noch eine Galgenfrist." Schließlich das Wissen darum, dass das Orchester am Lagereingang für Neuankömmlinge spielte, um ihnen zu suggerieren, dass das Lagerleben schon nicht so schlimm werden könne. Dabei seien sie doch nur dort hingebracht worden, um vergast zu werden.

Aufarbeitung: Esther Bejarano hat ihre Geschichte niedergeschrieben. Eine Geschichte, die nicht mit dem Krieg beginnt und nicht mit dem Krieg endet. Sie besucht seit Jahren Demos gegen rechte Gewalt, gegen die Abschiebung und für eine würdevollere Behandlung von Flüchtlingen. Und sie rappt. Zusammen mit der Microphone Mafia aus Köln gegen Krieg und für ein Miteinander aller Menschen. Sie hat eine klare Meinung und lässt sich den Mund nicht verbieten .

Dass mittlerweile eine Aufarbeitung der NS-Zeit in Deutschland stattfindet, ist für sie ein gutes Zeichen. Doch es gibt viele Zeichen, die der 90Jährigen zu denken geben, die sie fassungslos, die die Mitbegründerin und Vorsitzende des Auschwitz-Komitees wütend machen. Pegida, Ableger der Bewegung und Parteien wie die AfD zum Beispiel. „Was wir heute erleben, ist eine gewisse Parallele zu damals", stellt sie klar, „das beunruhigt mich sehr."

Zufall seien rechtsextreme Tendenzen in Deutschland, Europa und der Welt nicht. „Nach dem Krieg ist nahtlos alles weitergegangen", sagt sie, „da gab es keine Aufklärung." Josef Mengele habe wie andere Nazi-Größen unbehelligt ins Ausland fliehen können, andere
rechte Führungskräfte hätten politische Karriere machen dürfen, und Demonstrationen von Rechtsextremisten fänden heute sogar unter Polizeischutz statt. Das alles könne sie nicht verstehen.

Aufgrund ihrer christlichen Großmutter wurde Esther Bejarano in Auschwitz-Birken au als „ein Viertel arisch" eingestuft und erhielt so die Möglichkeit, ins KZ Ravensbrück zu wechseln - vom Vernichtungs- ins Arbeitslager. Vernichtung blieb dennoch allgegenwärtig. Als der Krieg für das Deutsche Reich schon verloren war, wurde sie mit anderen Häftlingen auf einen mehrtägigen Todesmarsch geschickt, „SS-Schergen an der Seite. Wer hinfiel oder nicht mehr konnte, wurde gnadenlos von diesen Verbrechern erschossen, obwohl sie doch wussten, dass der Krieg zu Ende war. "

Einige Schüler hatten auch nach der Veranstaltung noch viel Gesprächsbedarf, die 90-Jährige gab bereitwillig Auskunft.Esther Bejarano fiel nicht. Sie floh und feierte die Befreiung von Nazi-Deutschland zusammen mit US-Amerikanern und Sowjets. Die Teilnahme an der Verbrennung eines Bildes von Adolf Hitler auf einem Marktplatz bezeichnet sie als „meine Befreiung vom Hitler-Faschismus, meine zweite Geburt".

Eine Geburt als Heimatlose. Deutschland war für sie das „Land der Täter", sie emigrierte nach Palästina. Doch dort gärt bis heute ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Seit 50 Jahren lebt sie nun in Hamburg. Dort fühle sie sich wohl, sagt sie. Aber Heimat? Das sei auch die Hansestadt nicht für sie geworden. „Ich kann mit diesem Wort nichts anfangen", gesteht Esther Bejarano.

Aber das sei auch nicht so wichtig. Viel wichtiger sei es, für Frieden einzutreten und auf Unrecht aufmerksam zu machen. Im Gespräch. Bei Lesungen. Bei Konzerten. Auch mit Rap-Musik. Im November will Esther Bejarano wieder nach Walsrode kommen. Dann mit der Microphone Mafia im Schlepptau.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 28.03.2015 von Dirk Meyland

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