Von der Sonntagsschule zur Berufsschule

Der Schulleiter der Berufsbildenden Schulen Walsrode, Andre Kwiatkowski, und Abteilungsleiter der Berufsschule, Arne Kuhne (rechts), stehen für die Weiterentwicklung der BBS zu einem Kompetenzzentrum für Berufsbildung in der Region. Vor 150 Jahren stimmte der Magistrat der Stadt Walsrode der Errichtung einer Handelsschule zu.Die Aufzeichnungen der Berufsbildenden Schulen in Walsrode reichen weit zurück. Genauer gesagt bis in das 19. Jahrhundert. Denn vor 150 Jahren, im Jahr 1865, wurde er gelegt, der offizielle Grundstein der BBS Walsrode. Im Mai stimmte der Magistrat der Stadt der Eröffnung einer Handelsschule zu. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich nicht nur die Verhältnisse geändert, sondern auch die BBS hat sich weiterentwickelt.

Das Wort „Schule" ruft viele Erinnerungen hervor: Mit Kreide beschriebene Tafeln, Lehrerpulte mit darauf liegenden Klassenbüchern, Holzstühle mit unbequemen Lehnen, auf denen man nach langen Stunden des Sitzens und Zuhörens hin und her rutscht, eine Pausenhalle, die Treffpunkt aller Schüler ist, und Schulglocken, die das Ende der Unterrichtsstunde einläuten. All diese Gegenstände und Eindrücke gibt es an den Berufsbildenden Schulen in Walsrode auch, aber hinter den zahlreichen Türen und unterschiedlichen Gebäudeteilen verbirgt sich nach Eintritt durch die gläserne Haupteingangstür noch viel mehr. Vor allem der Geruchssinn ist auf einem Rundgang gefragt Besonders in den Abteilungen des Berufsschulzweiges besticht jeder Fachbereich durch seinen eigenen Geruch. Eine Wendeltreppe mit Figuren aus Metall an den Wänden führt Besucher direkt in die heiligen Hallen des Mehls, Teiges und der Ofenwärme. Der Geruch von Gebackenem steigt einem in die Nase. Junge Bäckerlehrlinge in karierten Hosen, weißen T-Shirts, mit knöchellangen Schürzen und weißen Caps kommen einem aus den Praxisräumen entgegen.

Wenige Flure weiter vernimmt man den Geruch von Sägespänen und Holzleim und das Geräusch der Sägen. Dort, im Fachbereich Holz- und Bautechnik, werden Praxisfähigkeiten vermittelt wie das Anfertigen von Holztüren. Draußen auf einem überdachten Schotterplatz können sich die Schüler an Pflasterarbeiten ausprobieren und dabei lernen, wie jeder Stein richtig gesetzt wird, damit die perfekte Ebene entsteht.

Das Schild des Fachbereichs Farbtechnik.Schüler des Fachbereichs Farbtechnik zeigen mit ihrer Gestaltung der Toiletteneingänge ihr Können.Im Gebäude, eine Etage höher, riecht es nach frischer Farbe, und bunt gestaltete Schilder, kunstvolle Malereien an den Wänden und kreativ gestaltete Toiletteneingänge verweisen auf den Berufszweig Farbtechnik. Dort können sich die Schüler an Probewänden beweisen, verschiedene Farben anmischen und das Ausmalen an gerader Linie üben.

In den Gebäuden des Außenbereichs wird es dann relativ geruchsneutral und technisch. Vorwiegend junge Männer spannen Metallstücke in die Halterungen an den Arbeitstischen, hämmern, löten und tüfteln. Sie werden in der Metalltechnik ausgebildet und haben schon Gegenstände erstellt wie ein beleuchtetes Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel. Genauigkeit ist dort gefragt: An der Tafel gibt die Bauzeichnung Hinweise auf die exakten Maße der Schrauben und Abstände. In der Halle nebenan riecht es nach Motoröl und diversen Lacken. Zwischen ausgebauten Fahrzeugkarossieren, einer Hebebühne und Arbeitstischen lernen die Schüler der Fahrzeugtechnik, worauf es in ihrem Beruf ankommt.

Der selbstgestaltete Holzpfahl vor den BBS.1865 war hingegen alles spartanischer eingerichtet. Die verschiedenen Schilder in der Eingangshalle, die auf die unterschiedlichen Schulbereiche hinweisen, haben sich erst im Lauf der Jahrzehnte entwickelt. Die Handelsschule von 1865 musste sich erst in all den Jahren zu der heutigen Form der Berufsbildenden Schulen entwickeln. „Ungefähr 1850 war sie noch ein Sonntagsschulangebot für Handwerkslehrlinge“, sagt Arne Kuhne, Abteilungsleiter des Zweiges Berufsschule und derjenige, der sich im Stadtarchiv Walsrode mit der geschichtlichen Entwicklung der Schule auseinandergesetzt hat. Damals, erzählt er, gab es noch keine Schulpflicht. Die meisten Schüler haben unter der Woche auf dem Feld gearbeitet, und am Sonntag drückte man dann nach dem Kirchgang die Schulbank. 14 Jahre später wurde aus der Sonntagsschule dann eine gewerbliche Fortbildungsschule „als Angebot für Meistersöhne“. Ein Jahr später wurde der Grundstein der Handelsschule gelegt. „Etwa sechs bis acht strebsame Lehrlinge, die bei ihrem Vater in der Lehre waren, erhielten von mir auf Wunsch ihrer Eltern an zwei Abenden in der Woche von 20 bis 22 Uhr einen Unterricht im Deutschen, in der Anfertigung schriftlicher Arbeiten, im Rechnen und Zeichnen“, schrieb im Jahr 1917 ein Lehrer von damals, der neben starken Einschränkungen und einer dezimierten Schülerzahl durch den Ersten Weltkrieg vor allem die damaligen Verhältnisse schilderte: ungeheizte Klassenräume, Kerzen, die zur Beleuchtung mitgebracht wurden, und ein „unerschrockener Fleiß“, der die Schüler nie den freiwilligen Unterricht versäumen ließ. Denn erst 1870 wurde der Pflichtunterricht für Handwerkslehrlinge veranlasst, mit dem auch die Schülerzahl stieg.

Vor der Zeit des Ersten Weltkrieges waren es 120 Schüler. Heute - über 100 Jahre später - sind es auch 120, aber nicht Schüler, sondern Lehrer, die eine weitaus höhere Zahl angehender Berufsfachkräfte unterrichten: 1800 Schülerinnen und Schüler sind auf 100 Klassen aufgeteilt.

Aber auch die Metalltechniker probieren sich in den Räumen der Berufsbildenden Schulen Walsrode aus. Sie haben ein Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spiel mit Leuchtfunktion gebaut.Im Unterricht wird das Arbeiten nach Maß geübt.Wenn man so will, sind die Berufsbildenden Schulen Walsrode heute eine riesengroße Spielwiese mit Lerncharakter. Egal, ob berufliches Gymnasium, Fachoberschule, Berufsschule, Berufsfachschule, Berufseinstiegsschule, Fachoberschule oder Fachschule: im Verlauf der 150 Jahre hat das Lehrgebäude sich zu einem vielfältigen Kompetenzzentrum für berufliche Bildung entwickelt. Mit dem Zusatz-Gebäude an der Walsroder Schmersahlstraße, das 1952 dazu gekauft wurde, und einer neuen für Februar 2016 geplanten Fachschule für Betriebswirtschaft in Teilzeit ist der Blick bereits in die nahe Zukunft für viele weitere Schüler gerichtet.

Urkunde

Urkunde zur Gründung einer Handelsschule„Nachdem das Kramer-Amt hieselbst die von dem Herrn Lehrer Otte eingereichten Statuten einer hier zu gründenden Handelsschule genehmigt, auch die Herren Theod. Grütter und Jul. Seckel zu Mitgliedern des Vorstandes gewählt hat, so steht der Eröffnung der Handelsschule selbst als einer Anstalt der Kramer-Gilde nichts mehr im Wege.

Die Mitglieder dieser Gilde werden nunmehr ersucht, ihre Gehülfen und Lehrlinge, soweit nöthig zum Besuche der Schule zu veranlassen und die Namen derjenigen, welche dem Unterrichte anwohnen wollen, hierunter zu verzeichnen.

Walsrode, d. 29. Mai 1865 Der Magistrat"

 

 

Quelle: Walsroder Zeitung vom 18.07.2015 von Sarah Langemeyer

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