Mit Laib und Seele

Marcel Pohlmann übt den Beruf mit einer Leidenschaft aus, die ihn an einem Weltrekordkuchen mitwirken ließ, zum Kammersieger und Niedersachsens jüngstem Bäckermeister machte.Schon als kleiner Junge stand Marcel Pohlmann in der Backstube seiner Eltern. Mit neugierigem Blick beobachtete er ganz genau, was Papa Klaus Pohlmann mit Teig, der richtigen Temperatur und Liebe zum Handwerk alles zauberte. Klar, dass der heute 20-Jährige auch ins Handwerk einstieg. Und den Beruf übt er mit einer Leidenschaft aus, die ihn an einem Weltrekordkuchen mitwirken ließ, zum Kammersieger und Niedersachsens jüngstem Bäckermeister machte.

Marcel Pohlmann hat als Bäcker seine Erfüllung gefunden.Die Stille der Nacht ist noch zu spüren. Kein Vogel zwitschert. Kaum ein Auto bewegt sich auf den Straßen. Die meisten Fenster sind noch unbeleuchtet. Im Radio läuft das Nachtprogramm, denn der Morgenmoderator hat seinen Arbeitstag noch nicht begonnen. Ganz im Gegensatz zu Marcel Pohlmann. Es ist vier Uhr morgens, und der 20-Jährige steht schon seit zwei Stunden in der warmen Backstube in Rethem und bereitet das tägliche Brot und die ofenfrischen Brötchen für morgendliche Frühaufsteher und Berufstätige vor. Wenn andere sich in ihren „Federn" noch einmal genüsslich umdrehen, um noch ein paar Stunden Schlaf zu bekommen, klingelt der Wecker von Niedersachsens jüngstem Bäckermeister. In der Regel ist das um halb zwei, denn ab 2 Uhr in der Früh heißt es: kneten, mischen, abwiegen, dosieren, formen und backen.Schon als kleiner Junge half er in der Backstube.

Der junge Bäcker macht das mit einer gewissen Routine. Gekonnt teilt er die Teigmasse in gleichmäßige Stücke und knetet sie zu einem runden Ballen, während er erzählt. „Schon als ich so klein war, wusste ich, dass ich Bäcker werde", sagt der 20Jährige und demonstriert dabei auf Höhe seines Oberschenkels die Größe eines kleinen Jungen. Kein Wunder, denn Marcel Pohlmann ist im Prinzip „zwischen Mehl und Milch", wie es in einem berühmten Weihnachtskinderlied von Rolf Zuckowski heißt, aufgewachsen. Denn seinen Eltern gehört seit 1989 die Bäckerei Pohlmann in Rethem. „Er hat schon als ganz kleiner Junge mit am Ofen gestanden und zugeschaut, wie die Brote gebacken werden“, erinnert sich Vater Klaus Pohlmann. Zur Beschäftigung habe Marcel immer mit Mürbeteig kleine Figuren gebastelt. Auch seine Mutter, Corinna Pohlmann, erzählt, dass „Marcel immer viel mitbekommen“ habe. „Er hat immer daneben gestanden und mit Freude zugeschaut.“

Die Freude an dem Beruf hat ihn anscheinend so gepackt, dass das Berufsziel von Anfang an klar war. Mit 16 Jahren stieg er in die Lehre bei seinem Vater ein. Vorher probierte er sich noch im Rahmen zweier Schulpraktika auf Anraten der Lehrer in anderen Berufen aus. Er schnupperte in das Feld des Gas- und Wasserinstallateurs und das des Tischlers. Beide Bereiche sagten ihm nicht zu, denn sein Entschluss, Bäcker zu werden, den Familienbetrieb zu übernehmen und seinem Vater nachzufolgen, stand für den jungen Mann fest. Auch dem Anraten von außen, die Lehre nicht im elterlichen Betrieb zu absolvieren, stellte er sich entgegen. „Es hätte gar keine andere Möglichkeit gegeben. Der nächste Lehrbetrieb wäre in Walsrode gewesen, und dann hätte ich jeden Morgen meine Mutter bitten müssen, mich um zwei Uhr in der Früh zur Lehrstelle zu fahren“, so der Jungbäcker. Das wollte er nicht. Für ihn lag die Lösung sozusagen direkt vor der Haustür.

Mit Engagement und Kreativität erarbeitete er sich den Titel als Niedersachsens jüngster Bäckermeister. Zur Prüfung gestaltete er eine Schaufensterdekoration unter dem Motto „Aller-Leine-Tal“.Man könnte das Verhalten als stur und uneinsichtig bezeichnen, bei Marcel Pohlmann ist es aber eher der konkrete Plan, der ihn zu diesem Weg bewogen hat. Und diese Zielstrebigkeit war es wahrscheinlich auch, die ihn zu Niedersachsens jüngstem Bäckermeister mit gerade einmal 20 Jahren gemacht hat. Denn nach seiner dreijährigen Lehre, die er vorwiegend mit sehr guten Noten absolviert hat, war sein nächstes Etappenziel der Meisterbrief. „Ich hätte meine Lehrzeit auch um ein halbes Jahr verkürzen können, aber das habe ich nicht gemacht, weil ich das Praxiswissen des letzten Halbjahres für meine Meisterprüfung nutzen wollte“, verrät er und mischt nebenbei die nächste Teigmasse in den großen Knetmaschinen an. Viele andere hätten wahrscheinlich die Lehre abgekürzt und sich gedacht: Endlich fertig! Aber der Rethemer saugt alles Wissen auf und weiß daher selbst viel zu berichten. Sein Lieblingsfach in der Ausbildung? Na klar: Fachwissen Bäckereikunde. „Eine Zusammensetzung von unter zehn Teilen Fett und/oder Zucker auf 90 Teile Getreideerzeugnisse bezeichnet man als Brot. Das gleiche mit der Angabe über zehn Teile sind feine Backwaren. So nennen wir den Kuchen“, schießt es aus ihm wie aus einer Pistole heraus, während er auch noch erklärt, welche Backreihenfolge es morgens im Betrieb gibt und warum die Arbeitsfläche nach der Verarbeitung der unterschiedlichen Teigarten gründlich gesäubert werden muss. Dabei schabt er selbst mit gleichmäßigen Bewegungen die Teigreste von seiner Arbeitsfläche. Auch in Sachen Mehl macht ihm keiner so schnell etwas vor. Denn Mehl, sagt er, ändere sich in der Zusammensetzung nach jeder Getreideernte. Früher habe es noch viele Eigenenzyme gehabt, die den Teig dann auftriebfähiger machten, „aber heutzutage sind sie kaum noch enthalten, da muss man malzhaltiges Backtriebmittel dazugeben“.

Auch sein Rezeptbuch aus Lehrzeiten hält er in Ehren.Auch in der Schule hatte er schon früh den Hang zum Handwerklichen und naturwissenschaftlichen Wissen. „Alles, was mit Sprachen zu tun hatte, lag mir nicht. Aber textiles Gestalten, Hauswirtschaft, Mathe und Physik, das mochte ich. Das war für mich logisch und leichter zu lernen.“ Kein Wunder also, dass er in der Schule „nur das machte, was er musste“, wie seine Mutter berichtet. „Erst in der Lehrzeit legte er richtig los.“ Und das beweisen viele Ehrungen und Zeitungsberichte: Im Jahrgang einer des besten, Kammersieger und als einziger Auszubildender wirkte er am Weltrekordkuchen (4,3 Tonnen) für das 40-jährige Bestehen des Serengeti-Parks mit. „Das war ein besonderer Moment. Ich glaube nicht, dass mir so etwas in meiner Karriere noch einmal passiert“, weiß der junge Mann das Ereignis für sich einzuordnen. Und auch die Gesellenprüfung, die er mit einer Note von 1,1 bestanden hat, empfindet er als besonders, weil dieser Erfolg überraschend war. „Man selbst nimmt das gar nicht wahr, dass man gut ist.“ Wieder ein Satz, der authentisch wirkt. Fern von Ehrgeiz ist der junge Rethemer nicht, er will gut sein, denn das Bäckerhandwerk ist seine Leidenschaft.

Und weil der 20-Jährige als jüngster Bäckermeister „noch zu jung ist, um mit dem Lernen aufzu hören“, hat er sich schon ein neues Ziel gesteckt: Konditormeister. Im März nächsten Jahres soll es losgehen. Vorbereitet ist Marcel Pohlmann schon - wie soll es auch anders sein. Einen eigenen Raum, in dem er mit den unterschiedlichen Konsistenzen der Schokolade und des Zuckers üben kann, hat er schon. Und auch Fachliteratur hat er sich besorgt, in der er regelmäßig liest. Wenn der Tag für „normale“ Arbeitnehmer langsam beginnt, steht Marcel Pohlmann nach dem gründlichen Saubermachen und Zusammenräumen der Backstube in seinem kleinen Hobbyraum und experimentiert an Schichtnougat und gefüllten Vollmilchschokoladen-Pralinen. Bereit, einer weiteren handwerklichen Erfüllung nachzugehen.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 21.11.2015 von Sarah Langemeyer

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