BBS Walsrode und Soltau bereiten junge Asylbewerber auf Ausbildung und Beruf vor

„Jeder in unserer Schule ist einer mehr von uns“: Dieses Motto haben sich die BBS Soltau um Raquel Garcia, Nadine Schröder, Gaby Tinnemeier und Joachim Unger (oben, von links) auferlegt und eine Willkommenskultur an den Berufsschulen fest verankert. In den Camps in Oerbke kümmern sich Helfer von DRK und Johannitern sowie zahlreiche Ehrenamtliche um Flüchtlinge. In den Kommunen des Heidekreises haben sich zu diesem Zweck Willkommensgruppen gegründet, die sich die Unterstützung der zurzeit 1597 Asylbewerber (Stand: Ende Februar) im Landkreis auf die Fahnen geschrieben haben. Viele Asylbewerber sind schulpflichtig und haben keine Ausbildung. An dieser Stelle setzen Programme der Berufsbildenden Schulen (BBS) in Walsrode und Soltau an.

Mithilfe von „Sprint“ und Sprachförderklassen sollen die jungen Menschen dort bestmöglich auf einen späteren Einstieg in die Berufsschule, in Praktika und Ausbildung vorbereitet werden. An den BBS Soltau ist sogar eine Willkommenskultur mit gemeinsamen Aktivitäten ausgerufen worden. Motto: „Jeder in unserer Schule ist einer mehr von uns.“

Fast täglich kommen Jugendliche aus aller Herren Länder neu an die Schulen. Das allein sei schon eine Herausforderung, sagt Gaby Tinnemeier, Schulleiterin der BBS Soltau. Der Bildungsstand sei zudem sehr unterschiedlich: Manch ein Schüler habe bereits einen Abschluss aus seinem Heimatland mitgebracht, andere seien Analphabeten und zuvor nie zur Schule gegangen.

Mit „Sprint“ hat das Kultusministerium nun ein befristetes Projekt für 16- bis 21-Jährige aufgelegt, bei dem der Schwerpunkt auf den ersten Spracher-werb gelegt wird. In Soltau werden mittlerweile zwei „Sprint“-Klassen für bis zu 20 Schüler angeboten, dazu kommen sogenannte BVJA-Klassen (Berufsvorbereitungsjahr für Ausländer), in denen eine gezieltere Vorbereitung auf die weitere Ausbildung bei deutlich geringerer Fluktuation geboten wird. Besonders an „Sprint“ ist, dass keine ausgebildeten Lehrer in den Klassen unterrichten müssen. In Soltau helfen unter anderem eine Logopädin, zwei Studenten und Künstlerin Soraya Heuer aus Mittelstendorf mit. In Walsrode sind in diesem Schuljahr bereits acht neue Klassen für die Beschulung von jugendlichen Flüchtlingen eingerichtet worden. 106 junge Menschen aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak und Guinea werden dort unterrichtet.

Eine der Vorbereitungsklassen.An beiden BBS-Standorten sorgen die zusätzlichen Klassen bei allem - auch ehrenamtlichen - Einsatz für Platzprobleme. „Die Räumlichkeiten sind praktisch ausgebucht“, sagt Tinnemeier. Andre Kwiatkowski, Leiter der BBS Walsrode, stellt klar: „Wir haben personell und räumlich unsere Grenzen mehr als erreicht. Teilweise sind schon Lehrerzimmer zu Klassenräumen umfunktioniert worden.“ Neben vier befristeten Stellen in der Sprachförderung gibt es am Standort Walsrode Kooperationen mit Volkshochschule, Diakonie und Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft. Ein Teil der Unterrichtsstunden ist dort in die Werkstätten in den Bereichen Ernährung, Holz-, Bau-, Farb-und Metalltechnik integriert. In Soltau sind im Rahmen der Willkommenskultur, die von Raquel Garcia koordiniert wird, insbesondere Schüler aufgerufen, sich um die Flüchtlinge zu kümmern. 45 sogenannte Schülermentoren gibt es dort bereits. Viele Schüler seien echte Sprachtalente und mehrsprachig aufgewachsen.

Ganz einfach sei der Unterricht angesichts dessen, dass Bildungsniveau und Sprachräume sehr unterschiedlich seien, nicht, sagt Frithjof Röthemeyer, Abteilungsleiter an den BBS Walsrode. „Einen Unterricht mit der sprachlichen Hürde so zu gestalten, dass jeder mitkommt, und das bei einer Klassengröße von zehn bis 16 Schülern, ist schon eine Herausforderung“, gibt er zu. In Soltau wird insbesondere bei „Spr int“ viel Wert auf Austausch gelegt,
der auch ohne große Worte möglich ist: bei Fußball, Malen, Musik, Gartenarbeit und Kochen. Aber auch bei denjenigen, die schnell lernen und bereits die BVJA-Klassen besuchen, gebe es ständig Unterstützungsbedarf, sagt Lehrerin Nadine Schröder. „Alle unterstützen sich gegenseitig“, sagt sie, „und wenn ein Schüler einmal etwas nicht versteht, erkläre ich es ihm auf englisch oder französisch.“ Probleme aufgrund unterschiedlicher religiöser oder kultureller Ansichten - die Jugendlichen kommen aus Eritrea, der Elfenbeinküste, Afghanistan, Irak, Iran, Syrien, sie sind Muslime, Christen oder Je-siden - habe sie bislang nicht beobachtet, sagt Nadine Schröder. Im Gegenteil: „Ich habe
nur sehr viel Interesse gesehen.“ Feiertage böten beispielsweise einen hervorragenden Anlass zum Austausch - notfalls auch pantomimisch. Erste Freundschaften hätten sich zwischenzeitlich gebildet, auch k lassenüb ergreifend.

Das BVJA sei in Soltau eine kleine Erfolgsgeschichte, betonen die Beteiligten. Einige Jugendliche seien bereits in Praktika vermittelt worden, einer habe sogar im Anschluss eine gastronomische Ausbildung angeboten bekommen. Allerdings zeigte sich da eine ganz andere Hürde, so Tinnemeier: Da er aus einem „sicheren Herkunftsland“ stammt, musste er zwischenzeitlich dorthin zurückkehren und konnte das Angebot nicht annehmen.

Quelle: Walsroder Zeitung vom 15.03.2016 von Dirk Meyland

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